Sturmflut
Samstag, 28. Januar 2012
Ja klar, wir können alle
nur einfach nicht kochen...
Am 18. Januar gab es im Bundestag eine "aktuelle Stunde" zum Antibiotikaeinsatz in der Tiermast. Ich geriet zufällig in die Übertragung auf Phoenix und verpasste leider den ersten Redebeitrag, der vom Grünen-Abgeordneten Friedrich Ostendorff stammte, ebenso wie denjenigen meiner Lieblingsministerin Ilse Aigner, die - wie es mir manchmal scheint - den Titel "Ministerin für Verbraucherschutz" nur durch einen merkwürdigen Fehlgriff erhalten hat. Um mein Wissensdefizit aufzufüllen und die nachfolgenden Redebeiträge in einen Gesamtzusammenhang einordnen zu können, steckte ich die Nase also nochmal in das online abrufbare Bundestagsprotokoll.

Ostendorff kritisierte, wie auch nicht anders zu erwarten, die hohe Besatzdichte in der Tiermast, die es erst erforderlich mache, in dem beobachteten großen Maßstab Antibiotika einzusetzen.

Auch in einem Fernsehbeitrag, den ich gestern sah, gab ein Tierarzt aus dem Raum Oldenburg (die Gegend ist bekannt für die fabrikmäßige "Tiererzeugung") freimütig zu, er kenne nur 10 bis 30 % der (in diesem konkreten Fall) Geflügel-Mastbetriebe, in denen nicht routinemäßig Antibiotika zum Einsatz kämen. Der Mäster kontaktiere ihn, sobald er "irgendwie das Gefühl habe, da sei etwas im Anzug" - so die vage Formulierung. Diese im Anzug befindliche, wie auch immer geartete Krankheit manifestiere sich beispielsweise an zurückgehendem Wasser- und Futterverbrauch der Tiere, der sich messen lasse. Und dann kämen eben Antibiotika ins Wasser.

Dass die Bildung von resistenten Keimen wie MRSA oder ESBL mit dieser erhöhten Gabe von Antibiotika zusammenhängt, haben Studien in den Niederlanden und Schweden nachgewiesen. In den Niederlanden glich man den genetischen Code der auf Geflügelfleisch gefundenen Bakterien ab mit dem derjenigen Bakterien, die auf Frühgeborenenstationen zu Komplikationen, teilweise auch zu Todesfällen geführt hatten - mit großer Übereinstimmung.

Ostendorffs Argumente sind also nicht unberechtigt, ebenso wie die Feststellung, dass sich die Notwendigkeit der Medikamentengabe in der Mast durch eine Verringerung der Besatzdichte reduzieren ließe. Damit brachte der Mann - selbst Ökolandwirt und daher natürlich von einigen als Lobbyist in eigener Sache betrachtet - eigentlich nur auf den Punkt, was man (die Öffentlichkeit mehr oder weniger) eh schon weiß.

Frau Aigner zitierte dann als Antwort darauf erst einmal die geltende Rechtslage. Präventiv dürften Antibiotika überhaupt nicht gegeben werden, und auch nicht als Wachstumsförderer. Worauf Herr Trittin dazwischen rief, dies sei tägliche Praxis, Frau Aigner solle doch mal nach Vechta fahren. Aigner schob die Verantwortung für die Kontrollen auf die Länder ab und machte deren Durchsetzung zugleich vom guten Willen der Länder abhängig. Das Schönste aber: "Wer verhindern will, dass ein krankes Tier behandelt wird, der veweigert Tierschutz!" Dieses Wort hat bemerkenswerte Ähnlichkeit mit dem von Massentierhaltern vorgebrachten Argument, man solle doch ihre Tiere mal untersuchen, sie seien in der Mehrheit viel gesünder als diejenigen von Ökohöfen. Kein Wunder, wenn sie randvoll mit Antibiotika sind. Ansonsten fielen sie ja auch einem Massensterben anheim, das für den Mäster schließlich keinerlei Profit mehr übrigließe. Hier sind also die Mäster in ganz eigener Sache tätig, ganz sicher aber nicht in Sachen Tierschutz. Dass Frau Aigner auf dieses Argument zurückgreift und damit ihre Kritiker als diejenigen abstempelt, die in Wirklichkeit dem Tier ans Wohlergehen wollten, ist ein billiges Manöver und zeigt, wie fehl sie eigentlich in ihrem Amt ist.

Die Vertreterin der FDP gab sich dann ganz im Parteisinne die Ehre und merkte an, dass die Kritik an der industrialisierten Tierproduktion überzogen sei. Da ging sie dann auch gleich zum Duzen über: "Was heißt denn eigentlich "industria"? Ist kein Lateiner unter Euch? "Industria" heißt Fleiß. Was ist gegen fleißige Betriebe einzuwenden? Überhaupt nichts. Fleiß ist eine Kardinaltugend. - Für Euch aber wohl nicht. Das mag so sein. Ihr lebt lieber vom Staat. Aber für die Unternehmer ist Fleiß eine ganz wichtige Tugend!"

Diese Äußerung ist so entlarvend, wie sie polemisch ist. Sie dokumentiert trefflich, wie sehr viel mehr es hier um das Unternehmerwohl geht (das auch noch hübsch als "tugendhaft" charakterisiert wird), als um das Wohl von Verbrauchern, Tieren und vollkommen Unbeteiligten. Ausbrüche wie diese sind eigentlich unwürdig für einen Parlamentarier, wundern mich aber nicht.

Der Vertreter der CDU/CSU Stier warf dann den Grünen erst einmal um die Ohren, wie unangemessen es sei, das Thema kurz vor der "Grünen Woche" (hinter diesem idyllisch wirkenden Titel verbirgt sie die weltgrößte Landwirtschaftsmesse) auf den Plan zu stellen. Er seinerseits freue sich auf die Grüne Woche. Glauben wir ihm sogar - schließlich sind Messen immer eine wunderbare Möglichkeit, Netzwerke zu knüpfen.

Den Knüller brachte dann allerdings Marlene Mortler (CDU/CSU): Sie warf mit Begriffen wie "Pseudokampagnen" und "Pseudowissenschaftler" um sich und wandte sich dann an Herrn Ostendorff direkt: "Lieber Friedich Ostendorff, Du bist heute deiner Rolle als Nestbeschmutzer deiner Kolleginnen und Kollegen in der Landwirtschaft wieder voll gerecht geworden." Sie begründet den Einsatz von Antibiotika mit christlichem Ethos, der einen verantwortungsvollen Umgang mit den Mitgeschöpfen darstelle. Resistente Keime gäbe es im Übrigen schon immer. Erst jüngst habe man in einer ägyptischen Mumie gegen Vancomyzin resistente Erreger festgestellt. Und schließlich und endlich: Sie sei Meisterin der ländlichen Hauswirtschaft und habe gelernt, wie wichtig die Hygiene in der Küche sei - da wisse man eben auch, dass man kein Carpaccio aus rohem Huhn zu essen habe.

Wie fern der Realität sind denn eigentlich diese eigenartigen Gestalten? Wir leben in einer seltsamen Welt, in der jemand öffentlich vor dem höchsten Gremium, das es in diesem Land gibt, wagt zu behaupten, die Haltungsformen, die wir unseren Mitgeschöpfen landesweit angedeihen lassen, umfassten einen verantwortungsvollen, vom christlichen Ethos geprägten Umgang. Ich weiß nicht, ob die Frau schon mal in einem stinkigen, tageslichtlosen Hähnchenmaststall in der norddeutschen Tiefebene gestanden hat, aber ich vermute, es ist wohl nicht der Fall. Denn sonst würde sie von Verantwortung mit den Mitgeschöpfen nicht in einem Atemzug mit dieser Haltungsform sprechen.

Mit ähnlicher Chuzpe wie Frau Aigner zu behaupten, es sei alles auf den Weg gebracht, was in dieser Lage an Maßnahmen vonnöten sei, und schließlich alles auf ein Küchenhygieneproblem zu reduzieren, ist nicht nur dreist und ignorant, sondern lässt mich auch am Geisteszustand dieser Person zweifeln. Klar, wir können halt alle einfach nicht kochen...

Ich erinnere mich noch gut an Frau Aigners Gesicht aus einem anderen Beitrag, als sie auf eine Veranstaltung des Brauereiverbandes geladen war und mit schöner, bayrisch-landbäurischer Manier das Hohelied auf das deutsche Bier verkündete - ganz im Interesse ihrer Gastgeber. Von der Person ist einfach nicht zu erwarten, dass sie eine von Lobbyvereinen unabhängige Politik zum Wohl der Menschen macht. Im Gegenteil, sie biedert sich an, wo sie nur kann. Da ist die Halbherzigkeit der von ihr auf den Weg gebrachten Maßnahmen nur logische Konsequenz.

Angesichts der Tatsache, dass zwei Drittel der Antibiotikamengen in der Landwirtschaft eingesetzt werden und nur ein Drittel in der Humanmedizin, ist der Rückzug auf die herrschende Gesetzeslage vermittels der Annahme "Was nicht sein darf, kann auch nicht sein", vollkommen inakzeptabel. Allein die schiere Menge muss Fragen aufwerfen. Zum Beispiel: Warum ist ein so großer Aufwand an Medikamenten nötig, wenn doch angeblich die Massenhaltungsformen unkritisch für die Tiergesundheit sind? Und wenn es tatsächlich nur um die Erkrankung einzelner Tiere geht, warum werden dann doch so viele Antibiotika eingesetzt? Nicht vielleicht doch als Wachstumsförderer, obwohl das verboten ist? Wenn sie tatsächlich glaubt, was sie sagt, dann ist Ilse Aigner ein blauäugiger Mensch. Wenn nicht, eine clevere Taktiererin. Ich tippe auf letzteres.

Natürlich hat es auch weiterhin jeder selbst in der Hand, aus welcher Haltung er sein Fleisch bezieht. Ich finde das Argument lustig, das Vertreter verschiedener Parteien in dieser Debatte auch gebracht haben: Man solle doch mal an die einkommensschwachen Schichten denken, die ja schließlich auch irgendwas essen müssten. So ein absoluter Unfug. Es geht hier nicht um das hochpreisige Entrecôte, sondern um die lustigen, panierten Hähnchenteile, die man den Kindern bloß noch in den Ofen schieben muss. So viel auch zum Thema Kochen. Es ist irgendwie immer Geld für Junk-Food übrig, sei es tütenweise überteuertes Schokoladenzeugs, Chips, Fertigpizzen oder sonst ein Rummel, nach deren Preis kein Mensch fragt. Aber das Fleisch, das soll möglichst billig sein.

Das eigentlich Ausschlaggebende sind die Ernährungsgewohnheiten. Nirgendwo wird Nahrung so billig produziert wie in Deutschland und nirgendwo wird so wenig Geld ausgegeben dafür. Aber Nachdenken macht halt Mühe. Ich empfinde es als mein persönliches Stück Lebensqualität, trotz eines Monatsgehaltes von rund 850 Euro netto 7 Euro für ein Hähnchenbrustfilet auszugeben. Ich esse dafür auch nicht jeden Tag Hähnchen.

Natürlich ist es vom Verhalten der Verbraucher abhängig, ob die Massentierhaltung ankommt oder nicht und somit, ob sie eine wirtschaftliche Grundlage hat. Dennoch fangen wir nun auch nicht plötzlich alle an zu hungern, wenn tatsächlich einmal andere Grundlagen für die Tierhaltung durchgedrückt würden, die die Landwirte zur Änderung ihrer Haltungsformen zwingen würden. Denn wir überproduzieren derart, dass wir nicht nur hierzulande billig kaufen können, sondern die ausländischen Lebensmittelmärkte gleich mit kaputt machen. Und das zu erfassen traue ich auch Frau Aigners Intellekt zu. Meint für mich: Es ist bei ihr wohl doch keine Frage des Könnens, sondern des Wollens.

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Donnerstag, 26. Januar 2012
Umkehr der Beweislast
Ich lege mich nicht gern mit Dogmatikern an. Während meines Studiums habe ich erleben dürfen, was es bedeutet, wirklich fruchtbare Gespräche zu führen, bei denen man über allerhand philosophische, gesellschaftliche und politische Fragen die Zeit vergaß, das Ende des Seminars, über die man den Mensaschluss vergaß und die man bei einem Bier in der Kneipe fortsetzte. Wir redeten uns die Köpfe heiß, wogen Argumente gegeneinander ab, erzählten Persönliches, vertraten Standpunkte. Eines war allen Menschen, mit denen ich damals zusammentraf, gemein: Sie beharrten niemals auf der absoluten Wahrheit ihrer Ideen, auf deren Unverrückbarkeit und Anwendbarkeit auf alle. Es war eine sehr wohltuende Zeit persönlichen Wachstums. Ich habe eine Allergie gegen starre Denkstrukturen. Jedes Mal, wenn mir jemand als Begründung für irgendwas sagt: "Ist so!", sträuben sich mir die Nackenhaare. Und zugegebenermaßen amüsiert es mich auch, wenn sich jemand in Zirkelschlüssen verheddert.

Dass ich mit der Religion auf Kriegsfuß stehe, ist kein Geheimnis. In diesem Zusammenhang habe ich natürlich besondere Probleme mit Dogmatikern. Dabei würde ich mich selbst durchaus als spirituell bezeichnen. Ich glaube aber nicht an Gott, und ich habe noch niemals versucht, jemanden dazu zu bewegen, sich meinem Atheismus anzuschließen. Ich bin inzwischen sehr beherrscht und stürze mich nicht mehr in ellenlange Debatten. Darüber, ob es Gott gibt oder nicht, oder ob es irgendeinen Gott gibt. Oder darüber, was das für ein Gott sein könnte. Oder ob es das Göttliche gibt. Oder ob wir alle göttlich sind. Ob sich in der Natur Gottes Wille widerspiegelt. Oder ob es das gerade nicht tut. Aber ich gebe zu, die Versuchung ist groß. Denn das Gebaren mancher Gläubiger ärgert mich sehr. Sie sind auf manchem Ohr extrem empfindlich für Kritik. Ganz besonders dann, wenn es darum geht, wer denn nun wohl in grundlegenden Fragen, die uns Menschen beschäftigen, Recht hat: Die Wissenschaft oder die Religion.

Ich bin der Auffassung, Glaube hat Privatsache zu sein. Folgerichtig bin ich auch der Ansicht, dass Religionsunterricht - gleich welcher Couleur und Glaubensrichtung - an (zumindest staatlichen) Schulen nichts zu suchen hat. Die Kirchen bieten ihrerseits eine ausreichend breite Palette an Unterweisungsmöglichkeiten in Belangen des Glaubens an. Das fängt beim Kindergottesdienst an, geht über Firmung, Kommunion, Konfirmation und die dazugehörigen Unterrichtsstunden und setzt sich auch in Bibelstunden und christlichen Krabbelgruppen fort. Reichlich Möglichkeiten also für interessierte Eltern, ihre Kinder mit dem vertraut zu machen, was sie ganz persönlich glauben. Das allein kann man schon kritisch sehen, da ein Kind sich nicht selbst dafür entscheiden kann, was es glaubt, und leider sind längst nicht alle Eltern so liberal eingestellt, dass sie ihre Kinder auf ergebnisoffene Art und Weise mit dem Thema Religion konfrontieren. Aber wie gesagt - Privatsache. Schön und gut.

Religionsunterricht halte ich allerdings (zumal, wenn er schwerpunktmäßig oder ausschließlich christlich gegeben wird) für inakzeptabel. Das einzige vernünftige Konzept, das der christlichen Religionslehre an Schulen entgegenzustellen wäre, wäre ein Unterricht, der sich mit religiösen und weltanschaulichen Strömungen weltweit und vor allem kritisch auseinandersetzte. Dabei ergäbe sich auch Raum, sich mit unterschiedlichen Konzepten und Auffassungen über das Leben, das Sein, Sterben und Tod auseinanderzusetzen, und im Grunde ist auch die Philosophie ein weites und fruchtbares Feld, das mit einfließen könnte. Anstatt dass aber der christlichen Glaubenslehre an öffentlichen Schulen vernünftige Grenzen gesetzt werden, streckt diese inzwischen auch ihre Finger in andere Bereiche aus, ebenso, wie es der Islam tut. In Biologie soll, geht es nach den Wünschen mancher Moslems, nun kein Sexualkundeunterricht mehr erteilt werden (zumindest nicht an die eigenen Töchter, die man dann aus dem Unterricht abzieht), und einige Christen tun sich sehr schwer mit der Evolutionstheorie. Meiner Ansicht nach haben aber religiöse Interessen in diesem Fach ebenso wenig zu suchen wie in der Chemie, Physik, im Sport oder der Geographie (und letzteres Beispiel ist mitnichten an den Haaren herbeigezogen, zieht man bloß mal den Geozentrismus in Betracht, der dem Weltbild der Kirche und der Gläubigen über Jahrhunderte hinweg einfach am besten in den Kram gepasst hat).

Es gibt natürlich Menschen, die dann argumentieren, die Evolutionstheorie, wie sie an Schulen gelehrt werde, sei schlicht nur eine Theorie und müsse derjenigen von einem Schöpfergott im Unterricht gleichrangig gegenüberstehen. Man kennt solche Ideen aus dem angloamerikanischen Raum. Eine wissenschaftliche Theorie hat aber nicht den Charakter einer These oder Behauptung. Sie liefert einen Erklärungsansatz, der durch schlüssige und beobachtbare Erkenntnisse gestützt wird und in der jeweiligen Fachrichtung auf breiten Konsens trifft - bis sich etwas Besseres findet. Theorien haben dabei aber auch nicht den Charakter einer unumstößlichen Wahrheit. Sie schildern lediglich, was wir bislang wissen und welche Schlüsse wir aus diesem Wissen ziehen. Die Idee von einem Schöpfergott, der als Ursache hinter allem Leben steht, ist indes nur eine Behauptung. Bestimmte Gläubige sind schnell damit bei der Hand, zu schreien: "Beweist doch die Evolutionstheorie. Beweist doch Makroevolution!", im Grunde wohl wissend, dass beides nicht bewiesen werden kann. Träte man aber nun auf einen solchen hartnäckig den Schöpfungsmythos vertretenden Gläubigen zu und forderte: "Beweise doch, dass es einen Gott gibt und dass dieser das Universum geschaffen hat!", dann kommt oft reflexartig die Gegenforderung: "Ach, beweist doch erst einmal, dass es Gott nicht gibt und dass er nicht das Universum geschaffen hat!"

Ich bin der Ansicht, dass wer sich auf einem bestimmten Feld messen will, alle Argumente auch mit gleichem Maß beurteilen muss. Während also die Evolutionstheorie sich zumindest erhebliche Mühe damit gibt, Indizien, Hinweise oder gar Beweise für ihre Annahmen zu finden und sie auch zu belegen (oder eben zu widerlegen!), tut sich die Religion schwer damit, ihre Behauptungen auch zu untermauern. Aus dieser Position heraus kann man sich aber nicht auf eine Stufe mit dem Gegner stellen. Natürlich ist es arrogant und vermessen von Vertretern naturwissenschaftlicher Ressorts, sich auf das Feld der Religion zu begeben und zu behaupten, dass ihre Erkenntnisse Relevanz hätten für das spirtuelle oder religiöse Erleben der Menschen. In der Tat hat auch noch niemand mit naturwissenschaftlich fundierten Methoden nachgewiesen, dass es Gott, das Göttliche oder Götter nicht gibt. Religion ist eine subjektive und persönliche Erfahrung und lässt sich daher nicht messen. Gerade deshalb, weil Glauben aber Glauben ist und nicht Wissen, haben religiös gefärbte Behauptungen und Weltvorstellungen eben auch nichts in den Naturwissenschaften zu suchen. Es geht letztlich nicht darum, wer die besseren Argumente für seine Weltsicht hat, weil das hieße, man vergliche Äpfel mit Birnen.

Warum muss sich die Religion eigentlich so angegriffen fühlen durch wissenschaftliche Erkenntnisse und Theorien? Es bleibt im Endeffekt ja jedem selbst überlassen, sich hinter dem Drang des Lebens nach sich selbst (wie er sich in den aktuellen Erkenntnissen spiegelt) den Willen eines höheren Schöpfers vorzustellen - seine Existenz leitet sich aber aus den Erkenntnissen, die wir bislang haben, eben nicht zwingend ab. Ich glaube, mit diesem "nicht zwingend" haben viele religiöse Menschen ein Problem. Der Beweis für einen (Schöpfer-)Gott ist eben bislang nicht erbracht (und wird es meinem bescheidenen Hosenbodengefühl nach auch nicht werden). Mancher muss sich aber ganz fürchterlich dringend an dieser Vorstellung festhalten, um die eigene seelische Befindlichkeit angesichts des Daseins, des zu suchenden Sinns und des Todes zu stabilisieren. Den wirft die augenfällige Tatsache, dass auch mit sich entwickelnden, sich verfeinernden wissenschaftlichen Methoden und fortschreitenden Erkenntnissen über die Beschaffenheit des Lebens nach wie vor die Existenz Gottes nicht beweisen lässt, möglicherweise in einen inneren Konflikt. Das bedeutet, dass diejenigen "Gläubigen" in der Tat nicht einfach glauben können und damit dann glücklich sind, sondern dass sie eben doch wissen müssen, um mit der Kälte der Welt da draußen umgehen zu können. Jetzt ist die Frage, wer den Beweis von der Existenz oder Nichtexistenz Gottes eigentlich wirklich braucht.

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Montag, 23. Januar 2012
you in a nutshell
G. sagte mir im Schein der zwischen uns flackernden Kerze nach Currywurst und Kaffee, Du habest Dich verändert. Du sprächest jetzt auch darüber.

Mal drei Tage wandern würdest Du gern, ganz für Dich allein, um zu Dir zu finden. Herauszufinden, ob Du eigentlich so viel von all dem nötig habest. Materielles. Anerkennung.

Wer außen steht und Dich nicht kennt, mag denken: Oh, ein toller Mann. So nachdenklich, so selbstkritisch, so tiefgründig. Aber als sie mir das sagte, gähnte ich innerlich. So warst Du schon immer, und mich langweilt diese Attitüde, weil ich sie zur Genüge kenne. Das hängt mir zum Hals raus. Du hängst mir zum Hals raus. Du kannst in die Wälder gehen und Bäume umarmen, so lange Du willst, aber Du wirst dort nicht finden, was Du nicht in Dir trägst. Und in Dir trägst Du lediglich ein großes Vakuum. Du wirst Dir nicht begegnen, wenn Du dauernd einen Bogen um Dich herum machst. Darin bist Du Künstler. Zu Dir finden - das habe ich schon so oft gehört von Dir. Du selbst bist das Loch, das andere füllen sollen. Du kannst nicht allein sein mit Dir. Du brauchst tiefschürfende Gespräche mit Menschen, die Dir die Illusion von Dialog, Bestätigung, Erfüllung geben. Du brauchst jemanden, der Deine innere Leere füllt. Du bist ein Vampir. Und allein mit Dir wäre alles, was Dir vielleicht gelingen würde, die Selbstzerstörung. Drei Tage würden nicht reichen, drei Jahre nicht, drei Menschenleben nicht.

Dass sich irgendwas an Dir ändert, glaube ich erst, wenn ich es sehe. Aber ich rechne nicht damit.

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Sonntag, 22. Januar 2012
Fragebogen, ansteckend...
Ein Aspekt der täglichen Kommunikationsvernetzung ist zweifelsohne der Blick ins Blog, nicht nur in mein eigenes, sondern in immer mal wieder das eine oder das andere, ob nun im Kreise der üblichen Verdächtigen von der eigenen Blogroll oder aus der Liste der Aktualisierten aufgepickt.

Da stellte ich heute fest, als ich bei Herrn Tomkin vorbeischaute, dass ich "getagged" wurde (und habe gerade meine Schwierigkeiten damit, das Denglisch korrekt zu verwenden - ach, was soll's). Da dieser Fragebogen anscheinend ansteckend ist, gehe ich der Einladung nach und "fülle" ihn aus. Nicht, dass Herr Tomkin am Ende lediglich ein Blatt am Baum bliebe...

1. Wann hast du mit dem bloggen angefangen?

Heute bin ich blogtechnisch online seit 1180 Tagen, also seit drei Jahren (und 'nem bisschen), aber ich muss der Fairness halber sagen, dass das der Start meines "ersten Versuchs" war und das Blog zwischenzeitlich noch mal ein bisschen schlief. Der neue erste Eintrag mit dem Titel "Zweiter Versuch..." stammt vom 20. Oktober 2009.

2. Wieso?

Ich habe mich zu der Zeit viel in Internet-Foren "ausgeschrieben", aber festgestellt, dass das letztlich nicht die richtige Form für mich ist. Dazu kam die Ermutigung eines Freundes, öffentlich zu schreiben, anstatt meine Texte auf der Platte des Rechners verschimmeln zu lassen. Ich mag es, zu schreiben und manchmal meine Gedanken zu bestimmten Themen essayartig zusammenzufassen, und hier bekomme ich ein Feedback dazu - das macht den Unterschied zum Tagebuchschreiben aus.

3. Wirst du noch weiter bloggen?

Na sicher.

4. Was ist deine Lieblingsfarbe?

Blau.

5. Wieso?

Ich mag die kühle Ruhe, die die Farbe vermittelt, unaufgeregt und ein bisschen distanziert. Außerdem steht sie mir.

6. Lieblingsjahreszeit?

Der Frühsommer, Ende Mai, Anfang Juni, wenn es warm genug ist, um wieder draußen sein zu können und alles üppig wächst. Ich mag aber auch den Frühherbst im September, wenn allem schon ein Hauch von Verfall innewohnt.

7. Hast du ein schräges/außergewöhnliches Hobby?

Ich habe Hobbies, würde aber keines davon als schräg bezeichnen.

8. Gehst du ihm auch fleißig nach?

Ja, ich bin der Ansicht, der Tag hat zu wenig Stunden dafür. Würde ich nicht mehr arbeiten müssen, würde mir sicher nicht langweilig.

9. Was ist dein Lieblingsfilm?

Welcher von den vielen? Weil ich mit einem ausgesprochenen Cineasten verheiratet bin, habe ich eine unendlich große Auswahl. Ich mag z.B. "Die Verurteilten", "Children of Men", "Into the Wild", "Der Ghostwriter", "Déjà vu"... die Liste könnte noch viel länger werden. Aber ich habe natürlich auch was übrig für Klassiker, Klamauk und gute (!) Fernsehserien.

10. Und zu guter letzt: Wen taggst du?

Wenn sie getagged werden mag, Frau Tama.

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