Sturmflut
Sonntag, 10. Juli 2016
Draußen


Fühlen.
(Seine Hand in meiner. Die Riemen des Rucksacks. Meine Fußsohlen beim Laufen. Die Kleidung auf meiner Haut. Haar, das an meinem Hals kitzelt. Den Wind, der streichelt. Schmerz im Knie und den Muskeln. Die Stiche von Bremsen. Schweiß, der über den Rücken läuft. Schotter unter den Füßen. Den eigenen Atem. Wasser auf der Zunge. Den Gummibund der Socken. Die dick gewordenen Finger. Durst. Insekten, die über die Haut krabbeln. Die Höhe der Bäume. Das Rutschen der Sonnenbrille auf dem Nasenrücken.)



Hören.
(Den Bass einer Hummel im Vorbeifliegen. Knirschenden Kies unter unseren Schritten. Wind in den Kornfeldern. Vogelstimmen in der Kathedrale des Waldes, mannigfach. Rascheln im Gebüsch. Grillenzirpen. Einen Traktor beim Wenden von Heu. Knackende Zweige. Grüße Entgegenkommender. Das leise, wehende Rauschen von Rotorblättern. Ein Motorrad auf der Landstraße in der Ferne. Die Kettenschaltung eines Mountainbikes. Brummende Hochspannungsleitungen. Glockengeläut. Eine schimpfende Drossel. Ein irrsinniges Summen in den Wipfeln der blühenden Linden. Das Sirren von Mauerseglern. Zitternde Pappeln. Den Lauftakt einer vorbeiziehenden Joggerin.)



Sehen.
(Abendsonne zwischen Fichten. Sich windende Wege. Teppiche blühender Margariten. Im Wind wogende Felder. Knallrote Kirschen. Trauben violetter Glockenblumen. Eine tote Spitzmaus. Baumreihen wie Perlenketten. Blaue Hügel am Horizont. Patchworkdecken aus Feldern und Wiesen. Den sanften Schwung von Tälern und Höhenrücken. Verwilderte Himbeeren im Gebüsch. Das grüne Glühen von Farn am Fuß der Buchen. Zertretene Schneckenhäuser. Einen Rehbock im Feld. Heiligenbilder. Schwarze Käfer auf dem Weg. Halbverfallene Scheunen. Streuobstwiesen. Bienenstöcke. Schwaden kleiner Fliegen, die uns verfolgen. Einen mumifizierten Frosch. Waldmeister. Alleen.)



Riechen.
(Nadelwald. Die Süße von Lindenblüten. Heu in der Sonne. Moder aus Waldgräben. Insektenabwehrspray. Den Diesel des Forstfahrzeugs. Die Papiertüte mit der Käsebrezel. Schweiß. Frisch geschlagenes Holz.)

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Sonntag, 8. Mai 2016
Veränderliche Konstanten
So lange es nichts gab, das mich zufällig in die Nähe meines Heimatortes verschlagen hatte, habe ich auch nicht groß darüber nachgedacht, ob und wie sich dieses Dorf verändert haben könnte. Man sagt ja gerne, dass man seine Heimat zwischenzeitlich einmal (auch für länger) verlassen haben muss, um wieder neu dorthin zurückkehren zu können. Aber dass ich hinfuhr, war kein bewusster Vorsatz, sondern lag an einer Baustelle, die ich umfahren musste, als ich den Gatten am Freitag zum Bahnhof brachte. Bewusst, wenn auch notgedrungen zurückgekehrt war ich in das Nest bereits vor Jahren. Ich weine ihm keine Träne nach.

Natürlich hat das Dorf auch seine schönen Ecken. Da ist die kleine, gotische Kirche, die von alten Bäumen umgeben am Hang eines kleinen Höhenrückens liegt. Es gibt ein paar ganz hübsche Kopfsteinpflastergassen und einen Park an der anderen Seite des Hangs, von dem aus man weit über die Landschaft sehen kann. Dennoch möchte ich dort - wie man in unserer Ecke so schön sagt - nicht tot überm Zaun hängen. Es ist ja nicht so, dass ich ein Faible für Metropolen habe. Aber dieses Dorf ist inzwischen ein klassisches Wohndorf, eine Art altbackenes Suburbia, aus dem die spannenden Orte meiner Kindheit längst verschwunden sind. Der Trampelpfad entlang der Eisenbahngleise, den wir zur Schule gingen, existiert nicht mehr. Den alten Sandsteinbruch haben sie sozusagen domestiziert und ein Museum draus gemacht. Ich mochte ihn lieber mit den Brombeerranken und dem leisen Kribbeln, das entstand, wenn wir uns über das Zutrittsverbot hinwegsetzten. Vielleicht romantisiere ich ja auch.

Auf dem Rückweg vom Bahnhof nach hause entschließe ich mich, einen Blick auf das Dorf zu werfen, auch wenn ich ziemlich genau weiß, dass das nichts mehr mit meinen Erinnerungen und Erlebnissen zu tun hat. Ich wollte wissen, was ich noch erkennen würde. Was würde sich erneut verändert haben?

Ich biege also hinterm Ortseingang nach links ein, stelle das Auto auf dem Parkplatz ab und gehe zuerst zum Grab meiner Großmutter auf den Friedhof. Es ist erst halb acht morgens, die Sonne hat bereits erstaunliche Kraft, der Himmel ist strahlend blau, und der Friedhof liegt vollkommen still da. Selbst, obwohl ich später selbst nicht beerdigt, sondern verbrannt werden möchte, üben Friedhöfe eine große Faszination auf mich aus. Inzwischen gibt es auch auf diesem Friedhof ein Urnenfeld - etwas, das sehr unüblich für diese Gegend ist. Ich versuche mich zu erinnern, wo genau das Grab meiner Großmutter ist. Ich bin nicht oft hingegangen. Mir kommen Erinnerungen an ihr Begräbnis. Wie die Nachbarn mit ihrem Sarg auf den Schultern beinahe stolperten und wie meine Schwester sich nach dem Beerdigungskaffee darüber echauffierte. Ich besitze noch das Foto, das sie damals von dem frisch aufgeschütteten Grabhügel machte, der unter Kränzen und Blumen verschwand.

Während ich noch suche, entdecke ich vertraute Namen. Unsere alten Nachbarn samt ihrem Sohn. Eltern einer Schulfreundin meiner Schwester. Immer der Gedanke: "Ach, die auch...". Ich war sehr lange nicht mehr da. Vom Tod mancher Menschen hatte ich gehört. Ich wusste auch, dass die Grabstätte meiner Großeltern nach dem Wiederkauf verändert worden war. Ich lasse den Blick an den Reihen entlang schweifen und suche den polierten, schwarzen Stein, und ich bin schon drauf und dran, zu gehen, als ich ihn schließlich finde. Koniferen bedecken halb die Namen, dazwischen eine Reihe Trittsteine, die sind wie immer. Ich bleibe stehen und sehe mir die Daten an. 1909 - 1965 und 1911 - 2003. Meine Großmutter hat länger ohne ihren Mann gelebt als mit ihm und starb zehn Tage nach der Hochzeit meiner Schwester. Die Sträucher, die trockene, graue Erde und die in den Stein geschnittenen Zeichen haben nichts mit dem Moment zu tun, als ich zum letzten Mal ihre Hand hielt, ihr durch das wirre, graue Haar strich (wir nannten sie mit dieser Frisur zum Schluss oft scherzhaft "Einstein"), wie ich ihr Herz auf dem Überwachungsmonitor schneller schlagen sah. Sie hat mich gehört und gespürt. Eine Viertelstunde später war sie tot. Das ist dreizehn Jahre her.

Irgendwann taucht ein Friedhofsgärtner auf, grüßt in der bei uns üblichen, wortkargen Art und geht weiter. Ich frage mich, ob ich wohl noch das Grab der Mutter meiner besten Grundschulfreundin finde. Ich frage mich, ob sie selbst wohl noch lebt. Wenn man den Kontakt zu seinen Eltern einstellt, dann funktioniert auch das Buschtelefon nicht mehr. Ich weiß nur, dass diese Freundin die Veranlagung ihrer Mutter zum Brustkrebs erbte.

Ich verlasse den Friedhof. Mir fällt jetzt erst auf, wie klein er ist. Alles ist klein. Das ganze Dorf scheint geschrumpft zu sein. Ich lenke das Auto an der Kirchmauer entlang, auf der wir als Jugendliche oft im Sommer mit baumelnden Beinen gesessen hatten. Der Schaukasten mit den Gemeindemitteilungen steht noch an derselben Stelle, der Rasen sauber gemäht, gebastelte Papierschmetterlinge im Fenster des Gemeindehauses. Die Kneipe am Brunnen hat jetzt einen anderen Namen (ich glaube, sie heißt pfiffigerweise jetzt "Gasthaus am Brunnen"). Das Möbelhaus in Achtzigerjahre-Architektur gegenüber steht immer noch leer. Ein glatzköpfiger Mann mit einem dicken Hund geht das Kopfsteinpflaster hinauf. Im Dönerladen meiner Jugend werden jetzt Blumen verkauft, in der Eisdiele von damals Pizza und Döner. Dinge ändern sich, obwohl sie sich nicht ändern.

Wenn du nicht da bist, während sich die Dinge ändern, dann kommt die Änderung so plötzlich. Ich frage mich, wie vielen alten Menschen es so gehen muss. Häuser werden abgerissen, hochgezogen, Straßen verlegt, und du selbst hast doch nur zehn Jahre nicht hingeschaut, und dann ist alles anders. Dort, wo ich jetzt zuhause bin, ändern sich alles sukzessive. Ich sehe es, kann es greifen, und mein Gedächtnis ist mir treu. Aber dieses Dorf ändert sich nicht nur äußerlich. Meine Distanz ist nicht nur räumlich. Hier und da ein Ankerpunkt, ja. Eine Erinnerung. Oder ein Grab. Verwandte. Eine Durchfahrt. Aber auch die Erinnerungen relativieren sich. All die Kurven, um die ich hunderttausend Mal gebogen bin, haben nur so geringe Bedeutung. Die Türen, vor denen ich gestanden und die Fenster, zu denen ich hinaufgeschaut habe, sind in meinen Tagebüchern lebendiger als in der Wirklichkeit. Die Schleichwege, die ich kannte, sind Kindheitserinnerungen. Es gibt sie nicht mehr.

Es ist auch die eigene Veränderung, oder vielleicht vor allem die, die mich von all dem noch weiter entfernt. Meine Schwester ist oft mit ihren Kindern bei den Großeltern, sie schafft neue, lebendige Verbindungen zu diesem Ort. Ich tue das nicht. Vielleicht gehe ich eines Tages mit meiner Cousine durch das Dorf, meiner Tante, meinem Mann. Vielleicht sogar mit meinem Vater, meiner Mutter. Ich weiß nicht, was noch kommen wird. Vielleicht komme ich auch weiterhin nur selten zurück, und die Wirklichkeit bleibt nurmehr eine Skizze meiner Erinnerung, die entfernte Ähnlichkeit hat. Das Leben ist, wo ich gerade bin.

Meine Oma sieht mich von dem Foto her an, das an der Wand meines Dachzimmers hängt. Sie hat ein Baby auf dem Schoß in einem gelb-roten Frottee-Strampelanzug, und sie hält seine kleine Hand zart zwischen ihren großen, groben Fingern. Mich. Sie hat mich immer gehalten. Die Erinnerung an sie steckt auch in diesem Dorf. Sie steckt in dem alten Haus mit der Schmiede, in dessen Garten ich als ganz kleines Kind auf dem Bauch in der Sonne lag und das schon lange nicht mehr steht. Sie steckt in dem Friseurladen, zu dem ich sie untergehakt begleitete und der schon längst geschlossen hat. Sie steckt in den Einkaufszetteln, die sie schrieb und auf denen jede Woche drei Dosen Kondensmilch standen, so als könne jederzeit eine Konsensmilchknappheit eintreten. In den Zetteln, die ich mitnahm, um für sie einzukaufen bei dem kleinen Spar-Markt, den es schon lange nicht mehr gibt. Sie steckt in der Gartenerde, in die sie säte und die sie mit ihren Holzschuhen sorgfältig festtrat.

Ich höre sie auf Plattdeutsch meinen Namen nennen. Höre sie liebevoll mit dem Hund schimpfen. Sie ist mit dem Ort fest verwoben und mit mir und der Ort mit mir.

Gehen wir weiter.

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Samstag, 20. Februar 2016
Ich ertrag's nicht mehr.
Es gehört normalerweise zu meinen festen Gewohnheiten, nach dem Nachhausekommen von der Arbeit den Fernseher einzuschalten. Auf Tagesschau24 schaue ich mir an, was es Neues in der Welt gibt. Ich möchte gerne kurz und bündig über die Geschehnisse informiert sein, damit ich danach meinen eigenen Kopf in Gang werfen und das Gesehene für mich einordnen kann. Manchmal schaue ich mir noch den einen oder anderen Hintergrundbericht an. Zusätzlich lese ich diverse Blogs, und es tauchen Informationen in meiner Twitter-Timeline auf. Natürlich sind die letzteren beiden Quellen sehr durch meine subjektive Perspektive gefärbt, denn ich lebe nun einmal auch in einer Filterblase.

Als ich gestern von der Arbeit kam, landete ich ziemlich müde auf dem Sofa, sichtete, hörte und las die Nachrichten und konnte dann nicht mehr. Ich merkte beinahe körperlich, wie ich an meine Grenzen kam. Zunächst waren da die Videos der Geschehnisse in Clausnitz. Syrien, das unsägliche "Asylpaket II", und nach diversen weiteren Nachrichten kam dazu dann noch die Meldung zu Deutschlands glänzend laufenden Rüstungsexporten, unter anderem nach Katar. Da habe ich es nicht mehr ausgehalten, zur Fernbedienung gegriffen und ausgeschaltet. Es war mir einfach zu viel, ich hätte heulen können.

Ich sehe üblicherweise immer die Notwendigkeit, mich zu dem, was ich sehe, höre und lese, zu positionieren. Aber das saß jetzt nicht mehr drin. Schon vor einigen Wochen war es dem Gatten ganz ähnlich gegangen, der mit einem Mal abends zu mir sagte, er käme mit der Welt nicht mehr klar. Ich verstehe ihn.

Ich hatte versucht, meine Haltung auf Twitter zu verbalisieren und fing mir dabei dann auch noch die zweifelhafte Ehre ein, von mehreren ganz offensichtlich fremdenfeindlich gesinnten Kameraden retweetet zu werden. Man sollte wohl immer dazu schreiben, ob man die aktuelle Politik von der linken oder der rechten Seite aus kritisiert. Besagtes Missverständnis gab mir jedenfalls dann den Rest.

Denken ist für mich in dieser Lage schwierig. Denn was ich sehe und erlebe, macht mir einfach nur noch Angst. Ich will etwas tun, erschrecke aber angesichts des hemmungslosen Hasses einfach nur noch bis in die Knochen und verharre bewegungslos. Es geht mir ein wenig wie Patricia Cammarata (Das Nuf Advanced). Sie schreibt:

Und am Ende, hätte ich gerne eine Antwort auf die Frage "Warum habt ihr nichts getan". Ich weiß gerade nicht, was ich tun kann. Was ich tun muss. Wirklich muss. Ich will diese Entwicklungen nicht mehr dulden. Ich will nicht Teil einer fremdenfeindlichen Kultur sein. Ich will ein Mensch bleiben. Menschlich sein, Mitgefühl haben, Empathie. Ich will nicht zuschauen und alles geschehen lassen.

Ich weiß es auch nicht, und das macht mich fertig. Dieses Gegröhle, das man in dem Clausnitzer Video sehen konnte, dazu das Verhalten der Polizei, die dummen Ausreden im Anschluss (das Zeigen eines Mittelfingers berechtigt also zu einem solchen Vorgehen seitens der Polizei?), die körperliche Gewalt, die schreienden Stimmen - all das macht mir fürchterliche Angst.

Ich bin kein besonderer Mensch, ich habe bislang nicht viel für die Flüchtlinge in meiner direkten Umgebung getan und auch nicht viel gegen die ortsansässigen Nazis. Ich bin auf ein paar Demos gewesen. Unser Freund hat einmal einen jungen Syrer zu unserem Kinoabend mitgebracht - einen stillen, sehr höflichen und bescheidenen Jungen. Ich habe mich ab und an mit einigen der zwei Häuser weiter wohnenden Asylbewerber unterhalten, sie gegrüßt, angelächelt, wenn mir danach war. Das sind alles keine Heldentaten, sondern Dinge, die mir leicht fielen und nichts zu tun haben damit, Farbe zu bekennen.

Ein paar Nazis hatten wir ebenfalls zwei Häuser weiter, unschwer zu erkennen an Ihren Autokennzeichen mit der 88, ihrem Outfit und ihrem W-LAN-Netzwerk, das sie mit "White Power" benannt hatten. Ich war nur froh, als sie von hier weg zogen.

Der greifbare Hass, der sich nicht erst seit vorgestern Bahn bricht, macht mich auch deshalb so hilflos, weil ich den Eindruck habe, das alles kommt aus der Mitte, aus dem Herzen der Normalität. Sicher, in meiner Filterblase und meinem Freundeskreis ist es überhaupt nicht schwer, sich einig zu sein. Aber bereits im Kollegium kennt wieder jeder jemanden, der mal mit jemandem gesprochen hat, der "weiß": Ausländer klauen. Ausländer vergewaltigen. Ausländer sind Frauenfeinde. Ausländer sind Terroristen... (Beliebiges ergänzen.) Gleich einer urbanen Legende: Jeder kennt ja auch die Spinne in der Yuccapalme.

Die Politik "schämt" sich unterdessen einfach nur kollektiv vor den Kameras, um dann weiter ihren Kurs zu fahren, Ressentiments zu schüren und das Leben denen schwer zu machen, die es ohnehin nicht leicht haben. Sie spielt damit den Hassenden in die Hände. Ich würde sogar noch weitergehen und sagen, sie trägt eine deutliche Mitschuld an diesem heißen, gewalttätigen Hass. Es ist wenig glaubwürdig, den Menschen im Land Zivilcourage, soziales Verhalten und Gemeinsinn abzufordern, wenn man zugleich mit übelsten polemischen Schlagworten versucht, das am rechten Rand entlaufene Stimmvieh wieder einzufangen. Es ist kaum zu erwarten, dass die Bevölkerung sich für ihre Würde und Freiheit und die anderer Menschen einsetzt, wenn man ihr mit düsteren Terrorszenarien Angst macht und sie damit bei ihrem Wunsch nach Sicherheit packt. Das muss in die Lähmung führen.

Derart betäubt schaffen wir keine realistischen Blicke auf das Geschehen mehr, erkennen keine Zusammenhänge, sind handlungsunfähig. Ich schließe mich mit ein. Denn inzwischen hat in diesem Land (und in ganz Europa) ja irgendwie jeder jemanden, vor dem er Angst haben kann. Die einen haben Angst vor dem Verlust ihrer Pfründe und davor, dass sie zu Gunsten Fremder, Homosexueller oder Arbeitsloser übervorteilt werden. Die anderen haben Angst vor den "besorgten Bürgern", weil sie fürchten, Stellung für irgendwen oder irgendwas zu beziehen könnte auch ihnen bald einmal eine eingeschlagene Scheibe, einen Molotowcocktail an der Hauswand oder Morddrohungen bescheren. Auch da schließe ich mich ein.

Solche Angst tut mir nicht gut, sie tut niemandem gut. Aber ich habe auch das deutliche Gefühl, es helfen keine Lichterketten und Gegendemos, keine Online-Petitionen, keine "Deutschland ist bunt"-Plakate. Gegen die geballte Irrationalität der Angst sind solche Mittel machtlos, ja regelrecht niedlich.

Welches Bekenntnis würde ich abgeben wollen, wie würde ich mich verhalten wollen? Wieviel und welchen Einsatz ist es mir wert, (nicht nur) vor dem Hintergrund der Geschichte meines Landes den Anfängen zu wehren? Kann ich das überhaupt? Auf wievielen Baustellen kann ich mich zeitgleich abarbeiten? Habe ich dazu die Kraft?

(Das ist ein bisschen wie bei der immer zu kleinen Bettdecke - egal, an welcher Ecke man zieht, man ist nie ganz zugedeckt. Sie reicht einfach nicht. Das ist eines meiner persönlichen Probleme, aber vielleicht doch auch wieder nicht. Wir stecken ja schließlich alle mehr oder weniger im kraft- und zeitraubenden turbokapitalistischen Wahnsinn fest, der uns am klaren Denken und Erkennen durch seine Vereinnahmung hindert. Das aber nur so am Rande, auch wenn's da eigentlich nicht hingehört.)

Die, die da so hemmungslos und empathiebefreit "Wir sind das Volk!" brüllen, könnten dieselben sein, die mir, Dir und Ihnen morgen aus welcher "Sorge" heraus auch immer die Hütte anzünden und den Schädel einschlagen. Sie brauchen keinen Grund, denn jeder Grund ist gut genug.

Das macht mich wirklich verzweifelt. Wirklich. Verzweifelt.

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