Sturmflut
Donnerstag, 17. September 2015
Über Masken
In mir ist dieses Gefühl, einen erheblichen Teil meiner Zeit nicht ich selbst sein zu können. Ich spiele jemanden. Ich bin nur, wenn ich allein bin, in Gegenwart des Gatten oder sehr vertrauter Freunde. Aber auch dann habe ich oft eine Instanz in mir, die mir permanent sagt, wie ich sein sollte. Was ich bräuchte statt dessen wäre jemand in mir, der mich ermutigt, die zu sein, die ich sein könnte und will.

Die Maske, die ich ich trage ist die eines Menschen, der anpacken kann, der alles schafft, immer souverän ist. Der Aufgaben vorausahnt, ehe sie gestellt werden und der zuverlässig immer präsent ist. Nicht jammert. Auf gar keinen Fall. Aber das ist eben nur eine Maske. Wenn ich sie trage, dann verwandelt sich mein Ich nicht in Wonderwoman, sondern in ein ziemlich ignorantes Schwein, dass zwar alle Anforderungen von außen nach Kräften bedient, aber völlig das Gespür verliert für alle Gefühle und Bedürfnisse im Inneren. Es ist also kein Wunder, wenn das Innere sich gegen den ihm aufgezwungenen Zerfall sträubt, so gut es das kann.

Nach einem Tag Berufsschule, die ich im Gegensatz zu meinem Mitauszubildenden immerhin noch regelmäßig besuche, stapelte sich auf meinem Tisch und im Maileingang all das, was man offenbar nicht ohne mich erledigen konnte. Der Kollege überschwemmte mich mit Wichtigkeiten, die keinen Aufschub duldeten, während ich mich noch nicht einmal richtig sortiert hatte. Dies und das und jenes noch, alles ganz dringend, alles sofort. Nichts war selbständig erledigt worden.

Menschen, die einen Overload kennen, werden in etwa nachfühlen können, was ich in dem Moment erlebt habe. Der Kopf wie Watte, kein klarer Gedanke mehr, nur noch zu viel, zu viel.

Ich landete auf dem Klo, zog die Tür hinter mir zu und ließ lautlos die Tränen laufen. Fühlte mich so hoffnungslos, unfähig zu irgendeiner sinnvollen Handlung, einfach nur fertig.

Immerzu antworte ich: "Ich kümmere mich darum!", "Du hast das in zehn Minuten!" "Ich schaue gleich mal!" Mein Inneres schreit, aber das Äußere schreit noch lauter, und Neinsagen geht nicht. Denn was mir dann geschähe, das ist gefühlt schlimmer als alle innerlichen Zusammenbrüche. Missbilligung. Man könnte mich für schwach halten. Unbelastbar. Unzuverlässig. Mir meine Fehler vorwerfen.

Jetzt: Krankschreibung für zehn Tage. Ich habe mir das herausgenommen. Andere sehen, wie mies es mir geht, aber ich selbst konnte das bis jetzt nicht. Giving up is not an option! Die Firma fordert Überstunden, dazu Samstagsarbeit auf "freiwilliger" Basis (als sei bei dem Gruppendruck irgendwas freiwillig). Ich spüre, wie mich das Nachlassen des Drucks erleichtert. Wie gut es tut, dass mir der Arzt sagt: "Ich sehe ja, dass es Ihnen nicht gut geht!" Wie entlastend es ist, einzugestehen, dass ich an die Grenzen meiner Leistungsfähigkeit geraten bin und mit Zusammenreißen nichts mehr zu machen ist.

Die Maske trage ich dennoch. Ich habe sorgfältig darauf geachtet, den Personalchef von meiner Krankschreibung per Mail in Kenntnis zu setzen, damit keine Rückfragen kommen, was ich denn habe. Es gibt Gründe, die gelten, und welche, die nicht gelten. Man muss nicht lange dabei sein, um das zu wissen. In meinem Kopf formulieren sich Entgegnungen auf Nachfragen. Und am liebsten möchte ich sagen: "Aus Gründen!" Diese Auskunft sollte reichen.

Leider ist es so, dass seelische Belastungen und Krankheiten längst nicht die Anerkennung genießen wie eine deftige Magen-Darm-Grippe mit Scheißerei und großem Kotzen. Nicht nur Außenstehende, auch mein eigenes inneres Bewertungssystem stempelt ein seelisches Nicht-Können als ein Nicht-Wollen, als Faulheit, als Verweigerung ab.

Trotzdem bin ich froh, dass ich den Schritt der Krankschreibung gegangen bin. Denn es gibt kein Limit, bei dem der Arbeitgeber einem sagt: "Jetzt hast Du genug getan, ruh Dich mal aus!" Es gibt keine Feierstunde mit Ordensverleihung für die geleisteten Überstunden (im Gegenteil, man kann froh und dankbar sein, wenn man dazu kommt, sie abzufeiern). Es gibt keine Fleißkärtchen, keine Boni, kein Dankeschön. Im Gegenteil, ich signalisierte bislang, dass man's mit mir machen kann.

Jetzt geht es nicht mehr. Und ich muss mir gründlich überlegen, wie ich weitermache, wenn diese zehn Tage um sind. Ob und wie ich meine Maske tragen will. Auch, ob ich das nach meinem Ausbildungs-Abschluss weiter machen möchte.

"Wer Stress hat, ist bloß schlecht organisiert!" - Das sagte vor einiger Zeit mein junger Mitauszubildender. Inzwischen rotiert er vor Stress, macht immer mehr Fehler, weiß nicht mehr, welches Ende er zuerst anfassen soll. Natürlich, denn das ist die logische Konsequenz permanenter Überbelastung. Aber an seinem Satz kann man ganz gut ablesen, wie wenig gern gesehen es generell ist, irgendeine menschliche Regung zu zeigen. Er sieht es auch an sich selbst nicht gern. Genau wie ich.

Ich bezweifle, dass meinem Arbeitgeber und meinen Vorgesetzten irgendein Erkenntnisgewinn aus meiner Krankschreibung erwächst. Aber ich selbst werde kurz- und mittelfristig irgendwie für Entlastung sorgen müssen. Das Schwierigste dabei ist wohl das zumindest zeitweilige Ablegen der Maske, das Zeigen des wahren Gesichts meiner menschlichen Schwäche.

Als ich aus dem Klo wieder heraustrat und meine verschmierte Wimperntusche sah, wusch ich mir das Gesicht. Meine zuvor sorgfältig abgedeckten dunklen Augenringe kamen zum Vorschein, ich sah unendlich erledigt aus.

Das alles ist, wer ich gerade bin, aber ich habe es wochen- und monatelang gut versteckt. Diese Maske ist gefallen, man sieht mein fahles Gesicht, die müden Augen.

Mindestens bin ich es mir schuldig, das selbst anzusehen. Es anderen gegenüber einzugestehen und Grenzen deutlich zu machen ist ein sehr großes Wagnis, von dem ich noch nicht weiß, wie ich es eingehen kann. Aber wenn alles in mir sagt, dass es so nicht mehr weitergehen kann, dann wird es vermutlich Zeit. Denn alternativ bleibt nur noch die Selbstzerstörung.

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