Sturmflut
Montag, 13. Februar 2012
Schaatsen
Ich hab's ja nicht so mit Kälte. Frieren ist für mich beinahe wie körperlicher Schmerz. Aber neben aufgesprungenen Lippen und Händen und gefühllosen Füßen hatten die vergangenen Tieftemperaturtage auch ihr Gutes: die dicke Eisschicht auf den Kanälen und Seen.

Das Eislaufen im Moor gehört zu meinen wirklich schönen Kindheitserinnerungen. Wenn es keinen Schnee gegeben hatte, lagen die Seen in der Nähe meines Geburtsortes glatt wie Spiegel und unergründlich schwarz zwischen birken- und heidebewachsenen Landzungen. Dort liefen wir stundenlang, immer mit einer Mischung aus leiser, aber überwindlicher Furcht und Faszination, was die Risse und Blasen im Eis betraf. Das metallische Knacken des Eises setzte sich wie ein Echohall über die ganze Fläche fort, und auf diesem eigentümlich verwandelten Element ließ es sich schwerelos tanzen, kreiseln, schweben. Klar, ab und an legte man sich mal auf den Hintern, aber das waren verkraftbare Kollateralschäden. Der Kanal bei meinen Großeltern war nicht ganz so schön wie die schwarzen Moorseen, weil immer Äste mit eingefroren waren, die fiese Stolperfallen abgaben. Aber auch dort ließ es sich vortrefflich laufen - von Brücke zu Brücke und wieder zurück.

Auf Schlittschuhen habe ich seit halben Ewigkeiten nicht mehr gestanden. Ich wusste, ich kann es - eine Gewissheit ähnlich wie die, dass man das Radfahren nicht verlernt. Als jetzt kurzentschlossen die Temperaturen weit unter den Gefrierpunkt sanken, beraumten Geocaching-Kollegen aus den Niederlanden ein Event an, das statt mit festen Schuhen mit "Schaatsen" unter den Füßen bestritten werden sollte. Eine wunderbare Gelegenheit, um die Kenntnisse aufzufrischen und sich auf niederländische Kanäle zu trauen. Was ich sowieso längst mal probieren wollte. Das Ziel war ein sich zwischen Kanäle und Baggerseen schmiegendes neues Wohngebiet. Beinahe jeder Anlieger hat einen eigenen Bootssteg an der Rückseite seines Gartens, und Fußgängerbrücken überspannen in gewölbten Bögen das Wasser. Das Land rundherum ist platt und weitläufig, Binsen und schwarze Erlen schwanken im Wind, und als wir eintreffen, warten die Veranstalter in einem eigens dafür aufgeschlagenen Zelt.



Wir entrichten unseren Obolus, erhalten eine Stempelkarte und einen Consumptiebon für die anschließende Verköstigung eines Tellers "Snert" (Erbsensuppe) und machen uns daran, uns die Schlittschuhe unterzuschnallen. Im Vorfeld hatten wir uns allerdings rückversichert, dass die Route auch zu Fuß zurückzulegen sein würde, und die Schuhe wandern sicherheitshalber in den Rucksack. Zu Recht, wie sich noch zeigen wird.



Allerdings stelle ich mich zum Einstieg doch recht geschickt an. Die ersteigerten und frisch geschliffenen Schlittschuhe machen ihren Job noch gut. Auf dem See ist Hochbetrieb, alles vom sportlich-drahtigen Schlittschuhsenior über Teenager bis hin zu erstaunlich flinken Kindern ist auf dem Eis. Bahnweise wurde das Eis von der dünnen Schneeschicht befreit, und die Leute gleiten dahin, als hätten sie in ihrem Leben niemals irgendwas anderes gemacht. Der Gemahl, zwei Freunde und ich gleiten mit. Bis dem Gatten die Schuhe zu unbequem werden und er vor dem ersten Schwenk in einen der Kanäle aussteigt. Sein Gesicht ist schmerzverzerrt, und er macht sich zu Fuß auf den Weg zum ersten Stempelpunkt. Bald merke ich, dass sich meine Schuhe ganz ähnlich verhalten wie die seinen. Sobald sich die mühevoll straff gezogene Schnürung ein wenig weitet, knicken meine miserabel schwachen Fußgelenke nach innen ein, und ich sehe weniger aus wie eine Eisfee als wie ein Storch im Salat. Der Stand wird auf diese Weise zunehmend unsicher, der Vortrieb ist irgendwann zu vernachlässigen, und ich bleibe mangels Schwung unter der einen oder anderen Brücke hängen, während die beiden anderen Männer in ihren Hockey-Hartschalen schwungvoll vorausfahren. Das letzte Stück bis zum nächsten Zelt und Stempelpunkt, an dem auch ich zu normalem Schuhwerk wechseln will, schiebt mich J. - höchst komfortabel, aber das ist ihm nicht über die ganze Route hinweg zuzumuten. Einen Glühwein und einen Stempel später stehe ich wieder auf festen Sohlen, allerdings durchaus mit einem weinenden Auge.



Rundherum sind die Menschen auf ihren Schaatsen unterwegs, Elfstedentocht im Kleinen. Das Eis ist hart und glatt und spiegelt die Sonne, die Atmosphäre ist wunderbar. Wir genießen das auch ohne Schlittschuhe, und angemessen durchgefroren sind wir schließlich wieder am Startzelt, wo uns der Geocache und heißer Snert erwarten, gekrönt von allerhand Spirituosen, die mal gefragt, mal ungefragt in Pappbecher nachgeschenkt werden. In holprigem Niederländisch gestehe ich zerknirscht mein eisläuferisches Scheitern ein und erkundige mich nach den Schaatsen der Niederländer. So etwas, wie sie hier an den Füßen tragen, gibt es in Deutschland nicht einmal zu kaufen. "Noren" heißen die, werde ich aufgeklärt, und kurzerhand - "Wacht eens! Wat voor 'n maat heb je?" - wird ein Paar Combi-Noren für mich hervorgeholt, die ich dann auf dem Eis testen darf. Sie sehen aus wie Eisschnelllaufschuhe, diese haben aber einen Hartschalenschuh, der über meinen Knöchel reicht. Schnürtechnisch wird mir zur Hand gegangen, weil meine klammen Finger kaum noch zum kräftigen Zuziehen in der Lage sind. Und dann - Halleluja! Die ersten paar Meter sind ein bisschen unsicher, aber danach geht es wie am Schnürchen. Das ist tatsächlich wie Fliegen. Glatt, sauber, ruhig und kraftvoll. Ich muss mich am Riemen reißen, um auf der Bahn wieder umzudrehen und zurück zur Gruppe zu laufen. Problemlos hätte ich auf diese Weise noch einmal den ganzen See umrunden können.

Der nächste Winter kommt bestimmt. Bis dahin muss ich unbedingt so ein Paar Noren auftreiben.

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