Sturmflut
Sonntag, 3. Februar 2013
Mal ganz privat
Wann immer ich darüber nachdenke, zu bestimmten gesellschaftlichen oder politischen Themen einen Artikel zu verfassen, dann bedenke ich die Angelegenheit gründlich. Auch, wenn schließlich ein großer Teil meiner eigenen Meinung, meines Charakters und selbstverständlich meiner Subjektivität mit einfließt, versuche ich doch vorher so gut als möglich sicherzustellen, dass ich weiß, wovon ich schreibe, dass ich meine Quellen kenne und keinen aus der Luft gegriffenen Quatsch in Worte schmiede. Zur Zeit aber finde ich mich unversehens in einer alten Schleife wieder. Es ist eine Schleife, die schon endlos läuft. Immer wieder beißt sich die Katze in den Schwanz, läuft sich das Thema tot und wird wiederbelebt, immer wieder von vorn. Es geht um Geschlechterverhältnisse, um Geschlechterkämpfe, Geschlechterstereotypen, um geschlechtsspezifische Rollenverteilungen, um nurture vs. nature-Debatten. Meistens bin ich in dieser Sache ausgesprochen humorlos. Manchmal nicht. Das hängt immer davon ab, wie es sich gerade verhält mit dem aktuellen Diskurs und mit meiner persönlichen Tagesform.

An dieser Stelle möchte ich mal nicht abwägen, ich möchte keine Argumente prüfen und mir nicht den Kopf zerbrechen. Ich möchte mir keine Strömungen des Feminismus ansehen und sie darauf prüfen, inwieweit sie zu meiner eigenen Haltung passen oder nicht. Ich möchte keine Studien zu der These durchlesen, warum Frauen natürlicherweise mit ihren Kindern an den Herd gehören und Männer mit ihren Kumpels ans Lagerfeuer, oder warum es andersherum sein sollte. Ich weiß ganz genau, dass das Thema eine differenzierte Betrachtungsweise im Grunde ganz dringend erfordert. Aber ich mag gerade nicht differenziert. Neulich, als ich mit meinem Mann über die Geschehnisse im Schlepptau der Brüderle-Dirndl-Bemerkung sprach und über die #aufschrei-Bewegung, da sagte ich ihm: "Es kotzt mich an, immer alles ausgewogen sehen und immer analysieren zu wollen!" Und er meinte: "Richtig, es geht manchmal einfach um Meinung." Ich fühlte mich so verstanden (und nahm das zum Zeichen, dass Verständigung zwischen Menschen sehr wohl möglich ist. Danke, mein Liebster!).

Ich kann es schon lange nicht mehr sehen, nicht mehr hören. Seit einiger Zeit lese ich mich durch dutzende Artikel, und sie hängen mir so dermaßen zum Halse raus, die Kommentare der "Alles nicht so schlimm"-Sager, der Bagatellisierer und Derailer. Wieder einmal spülen die widerlichen Ergüsse derjenigen an die Oberfläche, die alles, aber wirklich alles zur Rechtfertigung hernehmen, andere Menschen eben doch degradieren zu dürfen. Diese weinerlich-larmoyanten Stimmen, die jetzt in die Netzwelt hinausschrei(b)en, sie wüssten ja so gar nicht mehr, wie sie sich Frauen überhaupt noch nähern sollten. (Jungs, das ist ganz simpel: Im Zweifel überhaupt nicht! Lernt damit zu leben, dass es Frauen gibt, die Euch tatsächlich nicht toll finden!) Es trifft mich, wenn sowohl Männer als auch Frauen victim blaming vom Feinsten betreiben (wie jüngst erst auf kath.net geschehen, wo man den peinlich-unterbelichteten Satz lesen durfte: "Dann mach doch die Bluse zu!").

Das hier ist persönlich! Ich fühle mich angegriffen! Ich bin eine Frau, und ich möchte leben, wie ich es will. Und zwar unbehelligt, unbeschimpft, unverachtet, seelisch und körperlich unversehrt und auf Augenhöhe mit meinen Mitmenschen. Ich habe in meinem Leben schon einiges an sexueller Gewalt erlebt, von Sexismus gar nicht zu reden. Jeder, der solche Erlebnisse bagatellisiert und Frauen, die ihre Erfahrungen endlich einmal laut äußern, als überempfindlich tituliert, spuckt auch mir damit verächtlich ins Gesicht (und übrigens darüber hinaus denjenigen Männern, die sich zu benehmen wissen). Das ist nicht nur frauenverachtend, das ist menschenverachtend, und ich bin es wirklich, wirklich Leid. Verzieht Euch mit Euren Vorstellungen vom verfügbaren, willig-passiven Weibchen nach Sibirien!

Wann immer pauschal von den Frauen die Rede ist, greift mich das an, denn es trifft auch eine Aussage über mich, aber ich bin nicht die Frauen, so wie keine die Frauen ist. Ich muss mir nicht von irgendwem sagen lassen, was typisch Frau sei, oder ob ich eine "richtige" Frau sei. Es widert mich an, immer wieder zu hören, was Frauen und was Männer natürlicherweise alles angeblich nicht können oder doch können, wollen oder sollen müssen. Mir sagt keine und keiner, was ich kann und was nicht. Nicht die Polizeibeamtin auf dem Revier in meiner Studienstadt, die mich seinerzeit fragte, warum ich denn auch allein draußen nachts herumliefe, als ich der Polizei meldete, von jemandem verfolgt worden zu sein. Nicht meine Schwester, die mir immer wieder beharrlich von Neuem serviert hat, mein Mutterinstinkt und der Wunsch nach Kindern stelle sich schon irgendwann natürlicherweise ein - ich werde schon sehen. Wo meine Grenzen liegen, bestimme ich, nicht der Kollege, der mir dauernd ans Knie fasste, den Arm um die Taille legte, mir zu nah kam. Welche Witze harmlos sind, entscheide ich.

Ich bin kein Opfer. Ich kann stark sein, ich kann mich wehren, ich kann mich abgrenzen (auch, wenn ich das erst habe lernen müssen). Aber das ist nicht, was ich will. Ich will nicht dauernd stark sein müssen, ich will mich nicht wehren müssen, das ist nicht die Gesellschaft, in der ich leben möchte.

Ich lebe mit Männern zusammen (in meiner Ehe, meinem Freundes- und Bekanntenkreis), die mir deutlich gezeigt haben, dass sie es nicht nötig haben, sich in irgendeiner Weise mir oder anderen Frauen gegenüber aggressiv, herablassend, dominant oder anderweitig peinlich primatenartig zu benehmen. Sie verhalten sich nicht aus Gönnerhaftigkeit, Pflichtgefühl oder bestehender Antidiskriminierungsgesetze wegen so, sondern weil sie sich dafür täglich entscheiden und weil sie selbstsicher genug sind, um andere nicht permanent und pauschal abwerten zu müssen. Dasselbe gilt im Übrigen auch für die Frauen in meinem Umfeld.

Das ist die Hoffnung, die wie ein kräftig aus der Erde treibender Keimling in meinem Herzen sitzt und die sich standhaft zu sterben weigert. Ich sehe, es geht anders. Ich sehe, da sind Liebe und Achtung und Verstehen, die man weder einfordern noch erkämpfen oder erstreiten muss. Menschen sind wirklich zu gegenseitigem Respekt fähig.

Das zeigt mir aber auch, dass diejenigen, die diesen Respekt nicht leben, zu faul, zu bequem, zu unsicher, gar zu dämlich sind, um das andere Geschlecht als Menschen zu betrachten. Oder, dass sie sich bewusst weigern.

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