Sturmflut
Freitag, 17. Dezember 2010
Not so close encounter...
Gestern sah ich meinen Vater. Nach zwei Jahren. Zufällig. Ich war am Bus-Bahnhof gerade in meinen Bus gestiegen, bepackt mit Einkäufen und in Gedanken schon zuhause, da lief er, rechts neben mir. Es trennte uns nur die beschlagene Fensterscheibe (und die zunehmende Geschwindigkeit des Busses). Er bemerkte mich nicht.

Ich hatte fast vergessen, wie er aussieht und auftritt. Hochgewachsen, eloquent und selbstbewusst wirkend, trotz der Kälte nur in Hemd und Pullunder, einen Umschlag unter dem Arm geht er in Richtung Parkhaus - ganz der charmante und charismatische Mann, den alle kennen. Meine Gefühle bei seinem Anblick sind vielschichtig.

Es ist tiefe Trauer darüber, keinen Vater zu haben. Nicht so einen, wie ich gern hätte und gebraucht hätte. Die Trauer darüber, dass sich hinter dieser aufregenden, anziehenden Fassade ein vollkommen hilfloser kleiner Junge verbirgt, der schon genau deshalb kein Vater sein kann. Trauer darüber, dass da auch der gedanken- und rücksichtslose Narzisst ist, der sich an den Menschen in seinem Umfeld ohne jegliches Mitgefühl befriedigt. Das eine bedingt wohl das andere.

Dann war da aber auch noch ein anderes Gefühl, eines, das ich niemals vorher gespürt habe. Es war das Gefühl von Erleichterung und innerer Unabhängigkeit. Dieser Mensch kann und wird mir niemals mehr weh tun, weil ich es nicht zulasse. Ich bin endlich frei und ruhig genug, dass mich sein Anblick nicht mehr aus der Bahn wirft. Es ist keine Angst mehr da, ich kann ihn sehen, wie er wirklich ist. Ich weiß, dass er zwar fürchterlich, aber nicht wirklich zum fürchten ist, mein Vater. Er ist ein alternder Mann mit grauen Schläfen und tiefen psychischen Defiziten und nicht der allmächtige Pater Familias, von dem mein Wohl und Wehe abhängt.

Ein bisschen Trauer wird immer bleiben. Aber ich bin befreit von dem Zwang, ihn und seine Liebe und Anerkennung in anderen Menschen finden zu wollen. Endlich muss ich nicht mehr immer wieder dieselben Fehler mit dem ewig gleichen Typ Mensch machen. Mein Menschen- und Männerbild ist zunehmend vater-entzerrt (wenngleich auch nicht immer und in jeder Lebenslage).

Beim Anblick der durch die Innenstadt wogenden Menschenmasse wird mir klar, dass hinter jedem all dieser Menschen möglicherweise eine solche Geschichte stecken kann. Zufällige Begegnungen, die Angst oder Freude auslösen können. Gesichter, die Erinnerungen wecken. Es beruhigt mich. Denn schließlich ist ein Gesicht eben auch nur ein Gesicht. Mein Vater, so bedeutungsvoll für mich, ist für alle anderen zufällig vorbeiflanierenden Leute einfach nur ein zu lang geratener Mittsechziger mit Schnurrbart in Allwetterjacke - beliebig, bedeutungslos. Was ich betrauere ist denn auch nicht der Verlust dieser Person, sondern der Verlust eines Ideals. Ich glaube, damit kann ich leben.

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