Sturmflut
Montag, 26. September 2011
Ja und Amen? Nein danke!
Das Tamtam, das um den Besuch des Papstes in Deutschland gemacht wurde, ist eines säkularen Staates unwürdig. Ich kann aus all dem nur folgern, dass Deutschland kein solcher ist. Die Mumie aus Rom tauchte auf, wurde hofiert ohne Ende (Bundespräsident Wulff: "Willkommen zu Hause, Heiliger Vater"), durfte im Parlament sprechen und meinte schließlich wie gehabt, Empfehlungen und Ratschläge aussprechen zu müssen. Das wird erwartet. Wer nicht selbst denken will, ist halt auf die Ratschläge alter Männer angewiesen. Übrigens macht die plakativ nach außen demonstrierte Nähe der C-Partei zum Papst das C in ihrem Namen auch nicht wahrer. Zumindest dann nicht, wenn man "christlich" wie üblich stark verkürzt als irgendwie nett, nächstenliebend und gutmenschlich interpretiert.

"Die Rede hatte höheres Niveau als normalerweise im Bundestag geboten. Deutlichst." schrieb Cassandra. Klar, wenn vorgetragen wird anstatt debattiert, und wenn kein Konsens gefunden werden muss, sondern ein autoritärer Kirchenvater der Welt verkündet, was die Wahrheit ist und was nicht, dann ist das so. Da geht es ja auch nicht um Vertreten von Interessen, sondern um das Dozieren von Dogmen. Davon kann man begeistert sein. Wer drauf steht.

Toll, wie Joseph Ratzinger versuchte, den Zustand der Welt auf ein Scheitern des Rechtspositivismus zurückzuführen. Die Frage, worauf wir unsere Regeln des Zusammenlebens gründen müssten, um der menschlichen Natur in ihrer Tiefe und Weite wieder gerecht werden zu können, beantwortete er mit einem Verständnis von Naturrecht, hinter dem ein Schöpfergott steht. Wie auch immer es kommt und welche Umwege man auch immer nimmt, letztlich ist und bleibt so Gott der Maßstab für alles moralische Handeln. Vom Papst nicht anders zu erwarten - dennoch hochgradig überflüssig und unlogisch.

Ratzinger zitiert Kelsen. "Der große Theoretiker des Rechtspositivismus, Kelsen, hat im Alter von 84 Jahren – 1965 – den Dualismus von Sein und Sollen aufgegeben. Er hatte gesagt, daß Normen nur aus dem Willen kommen können."

Das ist soweit noch nachvollziehbar. Aber warum sich einen Gott konstruieren, der diesen Willen vorgibt? Es ist zutiefst logisch und sinnvoll, in moralisch-ethischen Belangen eine gangbare Übereinstimmung mit den Mitmenschen erreichen zu wollen. Es sichert unser soziales Miteinander, es sichert die ungestörte Entwicklung und Entfaltung unserer Psyche, es sichert das Überleben und stiftet Zusammengehörigkeit. Alles Dinge, die man wollen kann. Dazu braucht es keinen Gott, sondern lediglich die Erkenntnis, dass wir nicht allein sind und ausreichend Mitgefühl mit unseren Mitmenschen, um zu verstehen, dass Regeln für alle gelten sollten. Dieses Mitgefühl fällt aber nicht vom Himmel, es wird einem nicht von einer höheren Macht geschenkt, sondern es entsteht nur in der Auseinandersetzung mit dem eigenen Leiden und der eigenen Menschlichkeit. Hinzu kommt das Erkennen der Abhängigkeit und Verbundenheit im Bezug auf alles, was uns umgibt.

Das steht in direktem Gegensatz zur Herrenmentalität, die sich schon in der Bibel ausdrückt in den Worten: "Gott segnete sie und Gott sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und vermehrt euch, bevölkert die Erde, unterwerft sie euch und herrscht über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels und über alle Tiere, die sich auf dem Land regen." Wir sind keine Herren. Wir sind nicht mehr und nicht weniger als gleichwertige Glieder in einer Verkettung alles Lebenden. Damit können wir nicht umgehen. Daher müssen wir behaupten, es gebe einen Gott, der uns nach seinem Bilde schuf. Wie vermessen.

Nichts, was Herr Ratzinger zu sagen hatte, hat mehr Wahrheitsgehalt als jede beliebige andere Werbebotschaft. Er reiht sich nur ein in all die Prediger, die uns mit ihren Botschaften vom Leben (mit allen seinen Haken und Ösen) abhalten. Eine Mischung aus Heilsversprechen und Drohungen hält die Menschen bei der Stange, zudem Bequemlichkeit und der Hang zur Unmündigkeit, die Ablehnung der eigenen Fehlerhaftigkeit und die Hoffnung, dass es einem dereinst besser gehen möge als zur Stunde.

Ratzinger merkte an, Freiheit brauche die Rückbindung an eine höhere Instanz. Wozu? Freiheit braucht allenfalls die Rückbindung an gemeinsame moralische Werte. Ich bin es so Leid, dass Nicht-Christen oder Gottlosen generell ein Mangel an Werten unterstellt wird. Noch dazu kommt das Gejammer über den Werteverfall von einer Institution, die es selbst schon lange verlernt hat, das Wohl der Menschen in den Blick zu nehmen. Die strengen moralischen Maßstäbe, deren Verlust die Kirche beklagt, erfüllt sie selbst nicht. Im Gegenteil, im Namen der Religion werden allerhand Schandtaten verübt - sowohl auf psychischer als auch physischer Ebene - die mit hohen ethischen Werten nicht im geringsten vereinbar sind.

Das wäre alles schon schlimm genug, handelte es sich um einen Club, der seine obskuren Ideen von Gott und dem ganzen Rest privat auslebt. Aber der Clubvorstand erhält in unserem Land (und überall auf der Welt) ein Podium, und es wird ihm von Staatsangestellten applaudiert. Das allein ist schon ein Schlag ins Gesicht der Minderheit, die diese Pappnasen nicht gewählt hat (wie das in einer Demokratie nun mal so ist). Es beweist, dass die Regierungsbeteiligten in diesem Land mit der Verantwortung nicht umgehen können, die sie auch für die Belange der Anderswähler innehaben. Die Prioritäten lagen wohl anders - was eine Menge über die Christdemokraten aussagt. Mehr, als Worte es vermögen.

Mag sein, dass das "christliche Abendland" seine Wurzeln in diesem Glauben hat. Das ist aber keine besonders gute Begründung dafür, sein Leben lang in Windeln herumzulaufen. "Die Kirche darf sich nicht der Gegenwart anpassen" - damit bringt's der Pontifex auf den Punkt. Der Laden samt seiner Vertreter ist etwas für Ewiggestrige, die sich hartnäckig weigern, erwachsen zu werden und die Sorge für sich und die Mitmenschen lieber einem Phantom übertragen, statt sie selbst in die Hand zu nehmen. Wer kein Schaf ist, braucht auch keinen Hirten.

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